Abseitiges und Düsteres

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Romeo und Julia müssen sterben

Romeo und Julia müssen also sterben. Manchmal stelle ich mir vor, erzähle ich dir auf dem Weg zur U-Bahn, was wäre gewesen, wenn. Also stell dir vor, Romeo hätte nur ein Buttermesser mitgehaut, zum Beispiel, sage ich, und Julia hätte sich nicht bequem erdolchen können, sondern hätte sich umständlich und unter unvorstellbarem Kraftaufwand mit dem Buttermesser das Leben nehmen müssen, also stell dir das vor, das ist doch ein starkes Bild, findest du nicht, da liegt der vergiftete Romeo und Julia zerlegt sich selbst Schicht für Schicht, wie eine Zwiebel, will ich kurz sagen, aber ich verzichte auf den Vergleich, Julia zerlegt sich neben ihrem toten Romeo mit einem stumpfen Buttermesser.

[…]

Du willst wissen, wie oft das Wort MOND vorkommt in Romeo und Julia, ich will wissen, wie oft das Wort MOND schon einen Text ruiniert hat, ein Gedicht zum Beispiel oder einen ganzen Roman, es gibt sicher eine ganze Reihe von Romanen, die das Wort MOND vernichtet hat, Romane, die ohne das Wort MOND passable oder sogar gute Bücher geworden wären, aber durch das Wort MOND absolut unlesbar geworden sind. Es gibt sicher eine beträchtliche Anzahl Schriftsteller-Karrieren, die mit dem Wort MOND im falschen Text oder an der falschen Stelle beendet worden sind. Im Sommer dann, wenn ich wieder mehr Zeit habe, werde ich eine Liste erstellen mit Romanen, die das Wort MOND nicht überlebt haben.

(Auszug aus “Romeo und Julia müssen sterben”)

Schnitzlers “Reigen” lesen und an dich denken

Willst du nicht mit mir kommen? Ich wohn gleich in der Nähe. Bei mir ist es besser. Lass uns gehen. Also gehen wir, gehen wir. Worauf sollen wir noch warten? Wer weiß, ob wir morgen noch sind. Wenn wir nicht aufpassen, wenn wir ausrutschen, liegen wir in der Donau.

Jetzt tanzen wir nicht mehr. Ich weiß immer noch nicht, wie du heißt. Was man so merkt beim Tanzen, da merkt man ganz viel. Auf der Tanzfläche haben wir gemerkt, dass wir gerade erst anfangen. Auf der Tanzfläche haben wir gemerkt, dass wir auch schon wieder aufhören. Es ist so traurig, alleine nach Hause zu gehen.

Ich hätte dir gestern Abend fast einen langen Brief geschrieben. Ich habe mich an meinem Schreibtisch plötzlich so einsam gefühlt und Sehnsucht nach dir bekommen. Ich weiß jetzt erst, was Glück ist. Oder vielmehr: Ich weiß jetzt erst, was Glück sein könnte.

Seit wir uns kennen, haben wir keine Frisuren mehr. Es ist besser, wenn wir keine Fragen stellen. Noch lieber wäre uns, wenn auch sonst niemand Fragen stellt. Wir zerreißen uns möglichst zärtlich, haben vielleicht schon zehn oder zwölf Liebschaften miteinander gehabt. Manchmal vergessen wir, wie lange wir schon dauern.

Wer weiß, wie viele andere Arme du hast. Ich zähle die Lokalwechsel in deinen Augen. Nichts bleibt von uns, nur ein Rausch. Ich bin trotzdem sehr glücklich, dass ich dich erfunden habe. Du sagst, ich soll dich nicht so anschauen, wenn wir nicht alleine sind, ich soll mir meine Blicke aufsparen für später, wenn du das Licht abgedreht hast. Wir wollen uns erst wieder treffen, wenn es regnet. Es regnet jeden Tag.

Wir sind ein schönes Malheur, das schönste Malheur, das wir uns vorstellen können. Mittlerweile verwechselst du mich nur noch selten mit den Männern, an die ich dich erinnere. Zum Glück bist du meistens durstiger als ich. Meine besten Gedanken kommen mir in deiner Nähe, von deiner Sehnsucht umzingelt.

Dein Forschen nach Vorgängerinnen, mein Lauern auf Nachfolger. Unsere geteilte Angst vor der Wiederholbarkeit des Unwiederholbaren. Fang dir bitte kein Verhältnis mit der Kellnerin an. Ich bestelle Schnaps. In einem gewissen Sinn habe ich dich schon vergessen.

Wem sind wir in diesem Moment untreu? Wenn wir uns das Märchen erzählen, dass es wirklich vorbei ist, wenn es vorbei ist. Dass wir fertig sind. Ich werde dir sagen, dass ich dich nicht wiedersehen will. Spaziergänge sind mir zu gefährlich. Ich kann dir meine Angst vor Hauseingängen nicht erklären. Zu Weihnachten wünschst du dir einen neuen Namen und einen 10er-Block Alibis. Aber was weißt du schon von meiner Liebe zu dir.

Drama-Analyse

Exposition:

Wir sitzen an der Bar, zwei Unbekannte.

 

Erregendes Moment:

Ich kipp dir Bier in den Schoß.

Wir kommen ins Gespräch.

 

Steigende Handlung:

Du berührst mich beiläufig am Unterarm.

Dein Atem süß und schwer vom Rotwein.

 

Höhepunkt:

Der erste Kuss.

Es fühlt sich an, als würden wir uns schon ewig kennen.

 

Fallende Handlung:

Wir haben auffällig viele gemeinsame Bekannte.

Du verrätst mir deinen Nachnamen.

 

Retardierendes Moment:

Das Waldviertel ist groß, oder?

 

Katastrophe:

Ich glaub wir sind verwandt.

Heimat ist (dort)

Heimat ist dort,

wo man in Geschenkspapier eingewickelt

zerrissene und zerfranste Gefühle mit sich rumschleppt.

Erinnerungsfetzen an die eigene Kindheit.

 

Heimat ist dort,

wo der Kopf ungefragt ein Fotoalbum aufschlägt

und du stehst auf einmal in der Einfahrt

und wartest auf den Bus, der dich in den Kindergarten bringt,

oder schaukelst, ganz hoch und springst

so hoch und weit, dass du fast im Zwetschkenbaum landest.

 

Heimat ist dort, wo der Dialekt nah und frisch klingt,

wo sich die Wörter wie Toastkäse auf deine Zunge legen,

wo Gulasch ein Ersatz ist für Liebe,

aber Liebe kein Ersatz für Gulasch.

 

Heimat ist dort,

wo du jahrelang Sheriff warst

oder als Zorro mit den Indianern um die Wette gepinkelt hast.

Einzige Regel: Der dickste Strahl gewinnt.

 

Heimat ist dort,

wo man dir mit LEGO beigebracht hat,

wie leicht man Menschen zerlegen kann

und sie trotzdem weiterlächeln.

Dieses unheimliche Weiterlächeln der LEGO-Figuren,

egal wohin man ihre Köpfe steckt!

 

Heimat ist dort,

wo eine Schachtel mit Briefen steht,

viele davon von Rebecca,

von Rebecca, der Austauschschülerin aus Italien

mit dem großen Busen,

die dir damals ganz groß OASIS aufs Federpennal geschrieben hat,

so dass dein Nirvana daneben ganz klein ausgeschaut hat.

Am Schulball habt ihr geschmust.

Das Kleid hatte sie sich ausgeborgt.

Jetzt denkst du an die Parallelen zwischen

Rebeccas Schrift und Rebeccas Zunge.

Und glaubst dich erinnern zu können

an ihren Speichel.

 

Heimat ist dort,

wo du beschließt, dir die Haare wachsen zu lassen,

aber du schaust nicht aus wir Kurt Cobain,

du schaust aus wie einer, der beschlossen hast,

sich die Haare wachsen zu lassen,

weil er wie Kurt Cobain ausschauen will.

 

Heimat ist dort,

wo du dir Schneehöhlen gegraben hast,

ein ganzes Schneehöhlensystem bis ganz hinab

zu den Rosenstöcken, immer ganz vorsichtig,

dir den Skianzug nicht an den Dornen aufzureißen.

Jahre später wirst du im Internet rausfinden,

was ein „Snowjob“ ist.

 

Heimat, das sind auch Spieleabende.

Die wichtige Regel:

Uno gewinnt man, indem man nicht mitspielt.

 

Heimat, das sind

Erinnerungen an Akte X im Fernsehen,

an deine Einteilung in gute und bessere Folgen,

je nachdem ob Gillian Anderson Hosenanzug oder Rock anhatte.

Heute weißt du:

Du kannst niemandem vertrauen, außer sie heißt Scully.

 

Heimat ist dort,

wo man am 25. Dezember die feine Balance finden muss

zwischen den Mini-Schaumrollen der Tante

und den Bierflaschen, die dir dein Cousin hinstellt.

Beim Wuzzeln sind dann wir eine Familie.

Da werden sogar Eigentore verziehen.

 

Heimat ist ein Wartezimmer.

Heimat hat Alzheimer.

Heimat hat Diabetes.

 

Heimat ist eine Senkgrube.

Heimat ist ein selbstgeschnitzter Bumerang.

Heimat ist ein Kreisverkehr – du nimmst immer die gleiche Ausfahrt.

 

Heimat hat ein Ablaufdatum.

 

Heimat, das ist der erste Rausch

und fast im Löschteich ersaufen,

das ist die erste Zigarette

und das ist der erste

nur mit einer Hand aufgemachte BH

und die ganz ehrliche Freude darüber,

tatsächlich etwas darin zu finden.

Heimat ist eine Schürfwunde.

Heimat ist ein Pflaster, das nicht mehr hält.

Heimat verkrustet.

Heimat kann man aufkratzen.

 

Heimat ist Glatteis.

Heimat ist Rutschgefahr.

Heimat ist ein Auffahrunfall und alle sind beteiligt.

 

Heimat ist, wo du mich verlassen hast,

das sind meine Schachtelgefühle für dich.

Ich bringe sie auf den Dachboden.

Die meisten davon sind sogar richtig beschriftet.

 

Heimat ist mit Fieber im Bett liegen

mit Verdacht auf Blinddarmentzündung.

Heimat ist eine Blinddarmentzündung.

Heimat, das sind Rasierklingen,

die Rasierklingen deines verstorbenen Vaters.

Noch originalverpackt.

Aber du rasierst dich nicht.

Heimat muss manchmal operiert werden.

Heimat muss manchmal rausgeschnitten werden.

Es ist kein kleiner Eingriff.

 

Ich war schon lange nicht mehr zuhause,

erzähle ich einer Freundin,

erzähle ich einem Freund,

will ich manchmal den Menschen in der U-Bahn erzählen,

die alle ganz augenscheinlich ein Daheim gefunden haben

hier im Untergrund,

in der Untergrundbewegung.

Manchmal spiele ich ein Spiel

und verliebe mich ein paar Haltestellen lang

nicht in die Nächstbeste

oder Nächsthübscheste,

meine Auswahl fällt immer auf diejenige,

der ich eine ähnliche Verlorenheit zutraue.

 

Für dich trage ich oft tagelang das gleiche Hemd,

das Hemd, das wir damals gemeinsam gekauft haben,

erinnerst du dich?

Die mit dir und die ohne dich gekauften Hemden

in meinem Schrank als Metapher.

Alles in meinem Schrank,

alles in meinen Schubladen als Metapher.

 

Wenn du meine Hand nimmst,

heißt das noch lange nicht,

dass du mich berührst.

Da ist Gewebe und dahinter Anatomie.

So viel Anatomie.

17300 cm² Haut.

Genug Platz für eine Fortsetzungsgeschichte.

Genug Platz für Rechtschreibfehler.

 

Einmal hast du gefragt, was es ist,

das ich dir nicht verzeihen könnte.

Ich hätte sagen sollen:

Wenn du dich nur in meine Möglichkeiten verliebst,

in das, was ich sein könnte oder erreichen könnte oder schaffen,

dich aber nicht gleichzeitig noch viel mehr verliebst

in meine Unmöglichkeiten,

in alles, was ich nie sein werde,

in alles, was ich nicht mehr sein will.

 

Jahrelang schon will ich alles haben,

will ich alle haben,

will ich alles sein und das gleichzeitig,

obwohl ich weiß,

dass dann nichts übrigbleibt

von mir, von dir, von allem, überhaupt.

Also ab ins nächste Extrem, nichts mehr haben wollen,

nichts mehr sein wollen, verschwinden wollen im Zuviel.

Die Dialektik des 21. Jahrhunderts:

Mir ist alles zu viel. Ich will noch viel mehr.

 

Beim Innenhofflohmarkt verkaufst du,

was noch übrig ist von uns.

Adjektive werden im 10er-Pack angeboten,

unvollendete Sätze auch einzeln.

Die Stimme, mit der du verhandelst,

klingt wie eine Fernsprechanlage.

Alles muss weg.

„Ware in Ordnung“ hast du

mit Edding auf die Kisten geschrieben.

Nur du und ich wissen,

dass du darin Scherben verkaufst.

Keine Abnehmer finden:

ein ganzer Haufen Nächte,

in denen wir wortlos nebeneinandergelegen sind,

das Schweigen,

das wir nicht mehr zurücknehmen können,

und ein viel zu kurzes Ladekabel.

 

Heimat, das warst einmal du.

Heimat muss manchmal operiert werden.

Heimat muss manchmal rausgeschnitten werden.

Es ist kein kleiner Eingriff.

 

(Dieser Text ist in einer längeren Version in der Literaturzeitschrift DUM erschienen.)