Ausnehmen

DAS PAPIER

Das Papier: ganz weiß – wie der Schnee, wie ein Hochzeitskleid, es könnte der schönste Tag, der schönste Text unseres Lebens werden, aber wir haben mit einer Lüge begonnen: Das Papier ist kein Papier und auch nicht weiß. Ich habe mit einer Lüge begonnen, ich bin ein unzuverlässiger Erzähler. In deinen Worten: Ich bin ihr Erzähler.

Die Wörter fließen, die Wörter fluten, aufgehalten nur vom Zögern der Finger, unterbrochen nur von gelegentlichen Satzzeichen, aber die Wörter haben kein Bleiberecht, sie können immer noch umgestellt, zerstückelt und gestrichen werden. Die hohe Kunst der REDUKTION. Solange reduzieren, bis wir komplett entfernt sind im Text.

IN JEDEM TEXT

In jedem Text steckt ein Messer, jedem Messer wohnt ein Zauber inne, ein Messer macht noch keinen Sommer, vom Messer in den Mund leben usw. usf. Mit Messern spielt man nicht, aber wir spielen trotzdem. Wir spielen: Wer zuerst zusticht, hat gewonnen, wer sich zuerst schneidet am leeren Blatt, hat verloren.

Wenn wir nicht mehr weiterwissen, helfen wir uns mit Vergleichen. Weil alles, was wir schreiben, könnten wir auch ANDERS schreiben. Alles, was wir schreiben, hat schon jemand BESSER geschrieben. Jede Geschichte, die wir erzählen, ist eine Geschichte über das Zuspätkommen. Wir versäumen uns, immer wieder aufs Neue, mit jedem einzelnen Satz.

Wie wir uns kennengelernt haben? Wir haben uns an der Grenze zwischen EXPOSITION und STEIGENDER HANDLUNG getroffen, haben ein paar Eskalationsstufen ausgelassen und am Morgen danach hast du trotzdem gesagt, ich verwende zu viele Füllwörter, die müssen alle weg. Und dass Fragmente nur in den seltensten Fällen eine Geschichte ergeben.

ICH SCHREIBE

Ich schreibe, damit du antworten kannst: Das ist nicht gut genug. Das ist nichts, das ist nicht einmal ein Anfang, kein Höhepunkt weit und breit, dieser Text hat keinen Sex, nicht einmal schlechten Sex. Ich schreibe, damit du mir fehlenden Rhythmus diagnostizieren kannst und mangelndes Fingerspitzengefühl.

Ich kann sie nicht reduzieren, die Sätze zwischen uns. Ich weiß, deine Gefühle sind kein Streichelzoo, ich weiß, der Mond ist weder unser Komplize noch muss er ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden, überhaupt weiß ich, wie gefährlich es ist, die Wörter STREICHELZOO und MOND im selben Absatz zu verwenden.

Alle meine Gedanken im Sonderangebot, seit du mich nicht mehr willst. Könnte ich schreiben. Ich könnte so vieles schreiben, aber du hast gesagt BITTE KEINE GESCHICHTEN MEHR ÜBER BINDUNGSUNFÄHIGKEIT, sonst holst du deine Axt und drohst mir mit Kahlschlag.

ZUR BERUHIGUNG

Zur Beruhigung könnte ich ein paar Sätze MAYRÖCKER lesen, bis das Geriesel der Sprache ganz leise wird, ich könnte ein paar Mayröcker-Sätze stehlen und so in meinen Text einwickeln, dass es niemand bemerkt. Ja, ich bin ein Räuber, ich stecke meine räuberischen Hände in fremde Jackentaschen, nicht nur in deine.

Zur Beruhigung könnte ich dich anrufen, meinen Namen auf dein Display schreiben. Oder ich könnte einen Ich-Erzähler erfinden, der nichts mit mir und nichts mit dir zu tun hat. Und ihn nach drei Sätzen sterben lassen.

Zur Beruhigung könnte ich Tinder installieren und einen Roman schreiben über meine Begegnungen, ich könnte die Chat-Verläufe 1:1 in meinen Roman hineinkopieren, könnte ganze Kapitel mit den Sehnsüchten der anderen füllen und als Hardcover veröffentlichen.

ALWAYS IN MY THOUGHTS

Always in my thoughts, you are. Du sagst, ich soll keine Geschichte machen aus dir, schon gar keine Fortsetzungsgeschichte. Ich soll mir endlich einen passenden Schluss einfallen lassen. Vielleicht noch einmal Bezug nehmen auf den Anfang, eine thematische Klammer, meinst du, das könnte passen. Always out of reach, you are.

Das Papier, mittlerweile ganz ROT – wie eine Szene aus einem Tarantino-Film. Weil jeder Text ist ein Gemetzel, jeder Text ist eine Messerstecherei. Wir schließen die Augen, das Blut spritzt, ruiniert unsere Verkleidungen. Als wir die Augen wieder öffnen, sind wir verschwunden. Wir waren vielleicht nie mehr als ein Impuls. Waren vielleicht nie mehr als ein Zucken.

 

(Dieser Beitrag ist im Rahmen von Projekt *.txt entstanden. Das Wort war “Anfang”.)

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Schnitzlers “Reigen” lesen und an dich denken

Willst du nicht mit mir kommen? Ich wohn gleich in der Nähe. Bei mir ist es besser. Lass uns gehen. Also gehen wir, gehen wir. Worauf sollen wir noch warten? Wer weiß, ob wir morgen noch sind. Wenn wir nicht aufpassen, wenn wir ausrutschen, liegen wir in der Donau.

Jetzt tanzen wir nicht mehr. Ich weiß immer noch nicht, wie du heißt. Was man so merkt beim Tanzen, da merkt man ganz viel. Auf der Tanzfläche haben wir gemerkt, dass wir gerade erst anfangen. Auf der Tanzfläche haben wir gemerkt, dass wir auch schon wieder aufhören. Es ist so traurig, alleine nach Hause zu gehen.

Ich hätte dir gestern Abend fast einen langen Brief geschrieben. Ich habe mich an meinem Schreibtisch plötzlich so einsam gefühlt und Sehnsucht nach dir bekommen. Ich weiß jetzt erst, was Glück ist. Oder vielmehr: Ich weiß jetzt erst, was Glück sein könnte.

Seit wir uns kennen, haben wir keine Frisuren mehr. Es ist besser, wenn wir keine Fragen stellen. Noch lieber wäre uns, wenn auch sonst niemand Fragen stellt. Wir zerreißen uns möglichst zärtlich, haben vielleicht schon zehn oder zwölf Liebschaften miteinander gehabt. Manchmal vergessen wir, wie lange wir schon dauern.

Wer weiß, wie viele andere Arme du hast. Ich zähle die Lokalwechsel in deinen Augen. Nichts bleibt von uns, nur ein Rausch. Ich bin trotzdem sehr glücklich, dass ich dich erfunden habe. Du sagst, ich soll dich nicht so anschauen, wenn wir nicht alleine sind, ich soll mir meine Blicke aufsparen für später, wenn du das Licht abgedreht hast. Wir wollen uns erst wieder treffen, wenn es regnet. Es regnet jeden Tag.

Wir sind ein schönes Malheur, das schönste Malheur, das wir uns vorstellen können. Mittlerweile verwechselst du mich nur noch selten mit den Männern, an die ich dich erinnere. Zum Glück bist du meistens durstiger als ich. Meine besten Gedanken kommen mir in deiner Nähe, von deiner Sehnsucht umzingelt.

Dein Forschen nach Vorgängerinnen, mein Lauern auf Nachfolger. Unsere geteilte Angst vor der Wiederholbarkeit des Unwiederholbaren. Fang dir bitte kein Verhältnis mit der Kellnerin an. Ich bestelle Schnaps. In einem gewissen Sinn habe ich dich schon vergessen.

Wem sind wir in diesem Moment untreu? Wenn wir uns das Märchen erzählen, dass es wirklich vorbei ist, wenn es vorbei ist. Dass wir fertig sind. Ich werde dir sagen, dass ich dich nicht wiedersehen will. Spaziergänge sind mir zu gefährlich. Ich kann dir meine Angst vor Hauseingängen nicht erklären. Zu Weihnachten wünschst du dir einen neuen Namen und einen 10er-Block Alibis. Aber was weißt du schon von meiner Liebe zu dir.

Drama-Analyse

Exposition:

Wir sitzen an der Bar, zwei Unbekannte.

 

Erregendes Moment:

Ich kipp dir Bier in den Schoß.

Wir kommen ins Gespräch.

 

Steigende Handlung:

Du berührst mich beiläufig am Unterarm.

Dein Atem süß und schwer vom Rotwein.

 

Höhepunkt:

Der erste Kuss.

Es fühlt sich an, als würden wir uns schon ewig kennen.

 

Fallende Handlung:

Wir haben auffällig viele gemeinsame Bekannte.

Du verrätst mir deinen Nachnamen.

 

Retardierendes Moment:

Das Waldviertel ist groß, oder?

 

Katastrophe:

Ich glaub wir sind verwandt.

Heimat ist (dort)

Heimat ist dort,

wo man in Geschenkspapier eingewickelt

zerrissene und zerfranste Gefühle mit sich rumschleppt.

Erinnerungsfetzen an die eigene Kindheit.

 

Heimat ist dort,

wo der Kopf ungefragt ein Fotoalbum aufschlägt

und du stehst auf einmal in der Einfahrt

und wartest auf den Bus, der dich in den Kindergarten bringt,

oder schaukelst, ganz hoch und springst

so hoch und weit, dass du fast im Zwetschkenbaum landest.

 

Heimat ist dort, wo der Dialekt nah und frisch klingt,

wo sich die Wörter wie Toastkäse auf deine Zunge legen,

wo Gulasch ein Ersatz ist für Liebe,

aber Liebe kein Ersatz für Gulasch.

 

Heimat ist dort,

wo du jahrelang Sheriff warst

oder als Zorro mit den Indianern um die Wette gepinkelt hast.

Einzige Regel: Der dickste Strahl gewinnt.

 

Heimat ist dort,

wo man dir mit LEGO beigebracht hat,

wie leicht man Menschen zerlegen kann

und sie trotzdem weiterlächeln.

Dieses unheimliche Weiterlächeln der LEGO-Figuren,

egal wohin man ihre Köpfe steckt!

 

Heimat ist dort,

wo eine Schachtel mit Briefen steht,

viele davon von Rebecca,

von Rebecca, der Austauschschülerin aus Italien

mit dem großen Busen,

die dir damals ganz groß OASIS aufs Federpennal geschrieben hat,

so dass dein Nirvana daneben ganz klein ausgeschaut hat.

Am Schulball habt ihr geschmust.

Das Kleid hatte sie sich ausgeborgt.

Jetzt denkst du an die Parallelen zwischen

Rebeccas Schrift und Rebeccas Zunge.

Und glaubst dich erinnern zu können

an ihren Speichel.

 

Heimat ist dort,

wo du beschließt, dir die Haare wachsen zu lassen,

aber du schaust nicht aus wir Kurt Cobain,

du schaust aus wie einer, der beschlossen hast,

sich die Haare wachsen zu lassen,

weil er wie Kurt Cobain ausschauen will.

 

Heimat ist dort,

wo du dir Schneehöhlen gegraben hast,

ein ganzes Schneehöhlensystem bis ganz hinab

zu den Rosenstöcken, immer ganz vorsichtig,

dir den Skianzug nicht an den Dornen aufzureißen.

Jahre später wirst du im Internet rausfinden,

was ein „Snowjob“ ist.

 

Heimat, das sind auch Spieleabende.

Die wichtige Regel:

Uno gewinnt man, indem man nicht mitspielt.

 

Heimat, das sind

Erinnerungen an Akte X im Fernsehen,

an deine Einteilung in gute und bessere Folgen,

je nachdem ob Gillian Anderson Hosenanzug oder Rock anhatte.

Heute weißt du:

Du kannst niemandem vertrauen, außer sie heißt Scully.

 

Heimat ist dort,

wo man am 25. Dezember die feine Balance finden muss

zwischen den Mini-Schaumrollen der Tante

und den Bierflaschen, die dir dein Cousin hinstellt.

Beim Wuzzeln sind dann wir eine Familie.

Da werden sogar Eigentore verziehen.

 

Heimat ist ein Wartezimmer.

Heimat hat Alzheimer.

Heimat hat Diabetes.

 

Heimat ist eine Senkgrube.

Heimat ist ein selbstgeschnitzter Bumerang.

Heimat ist ein Kreisverkehr – du nimmst immer die gleiche Ausfahrt.

 

Heimat hat ein Ablaufdatum.

 

Heimat, das ist der erste Rausch

und fast im Löschteich ersaufen,

das ist die erste Zigarette

und das ist der erste

nur mit einer Hand aufgemachte BH

und die ganz ehrliche Freude darüber,

tatsächlich etwas darin zu finden.

Heimat ist eine Schürfwunde.

Heimat ist ein Pflaster, das nicht mehr hält.

Heimat verkrustet.

Heimat kann man aufkratzen.

 

Heimat ist Glatteis.

Heimat ist Rutschgefahr.

Heimat ist ein Auffahrunfall und alle sind beteiligt.

 

Heimat ist, wo du mich verlassen hast,

das sind meine Schachtelgefühle für dich.

Ich bringe sie auf den Dachboden.

Die meisten davon sind sogar richtig beschriftet.

 

Heimat ist mit Fieber im Bett liegen

mit Verdacht auf Blinddarmentzündung.

Heimat ist eine Blinddarmentzündung.

Heimat, das sind Rasierklingen,

die Rasierklingen deines verstorbenen Vaters.

Noch originalverpackt.

Aber du rasierst dich nicht.

Heimat muss manchmal operiert werden.

Heimat muss manchmal rausgeschnitten werden.

Es ist kein kleiner Eingriff.

 

Ich war schon lange nicht mehr zuhause,

erzähle ich einer Freundin,

erzähle ich einem Freund,

will ich manchmal den Menschen in der U-Bahn erzählen,

die alle ganz augenscheinlich ein Daheim gefunden haben

hier im Untergrund,

in der Untergrundbewegung.

Manchmal spiele ich ein Spiel

und verliebe mich ein paar Haltestellen lang

nicht in die Nächstbeste

oder Nächsthübscheste,

meine Auswahl fällt immer auf diejenige,

der ich eine ähnliche Verlorenheit zutraue.

 

Für dich trage ich oft tagelang das gleiche Hemd,

das Hemd, das wir damals gemeinsam gekauft haben,

erinnerst du dich?

Die mit dir und die ohne dich gekauften Hemden

in meinem Schrank als Metapher.

Alles in meinem Schrank,

alles in meinen Schubladen als Metapher.

 

Wenn du meine Hand nimmst,

heißt das noch lange nicht,

dass du mich berührst.

Da ist Gewebe und dahinter Anatomie.

So viel Anatomie.

17300 cm² Haut.

Genug Platz für eine Fortsetzungsgeschichte.

Genug Platz für Rechtschreibfehler.

 

Einmal hast du gefragt, was es ist,

das ich dir nicht verzeihen könnte.

Ich hätte sagen sollen:

Wenn du dich nur in meine Möglichkeiten verliebst,

in das, was ich sein könnte oder erreichen könnte oder schaffen,

dich aber nicht gleichzeitig noch viel mehr verliebst

in meine Unmöglichkeiten,

in alles, was ich nie sein werde,

in alles, was ich nicht mehr sein will.

 

Jahrelang schon will ich alles haben,

will ich alle haben,

will ich alles sein und das gleichzeitig,

obwohl ich weiß,

dass dann nichts übrigbleibt

von mir, von dir, von allem, überhaupt.

Also ab ins nächste Extrem, nichts mehr haben wollen,

nichts mehr sein wollen, verschwinden wollen im Zuviel.

Die Dialektik des 21. Jahrhunderts:

Mir ist alles zu viel. Ich will noch viel mehr.

 

Beim Innenhofflohmarkt verkaufst du,

was noch übrig ist von uns.

Adjektive werden im 10er-Pack angeboten,

unvollendete Sätze auch einzeln.

Die Stimme, mit der du verhandelst,

klingt wie eine Fernsprechanlage.

Alles muss weg.

„Ware in Ordnung“ hast du

mit Edding auf die Kisten geschrieben.

Nur du und ich wissen,

dass du darin Scherben verkaufst.

Keine Abnehmer finden:

ein ganzer Haufen Nächte,

in denen wir wortlos nebeneinandergelegen sind,

das Schweigen,

das wir nicht mehr zurücknehmen können,

und ein viel zu kurzes Ladekabel.

 

Heimat, das warst einmal du.

Heimat muss manchmal operiert werden.

Heimat muss manchmal rausgeschnitten werden.

Es ist kein kleiner Eingriff.

 

(Dieser Text ist in einer längeren Version in der Literaturzeitschrift DUM erschienen.)